Site icon Read Fanfictions | readfictional.com

Von Lieferheld zur Uber-nahme: Die große Delivery-Hero-Chronik

Delivery Hero

Es ist eine der prominentesten Gründungsgeschichten aus Deutschland. Und voller Widersprüche. Delivery Hero schaffte es als erstes Startup in den Dax – ohne je Gewinn gemacht zu haben. Eine der ganz großen Raketen aus der ersten Berliner Startup-Welle. Auf dem deutschen Markt ist der Lieferdienst indes nicht mehr. Aber dafür in großen Teilen der Erde präsent.

Jetzt wechselt das Unternehmen in den Besitz von Uber. Die betreiben mit Uber Eats ja selber ein Konkurrenzprodukt. 13 Milliarden Euro zahlen die Amerikaner. Eine Wette auf Dominanz im globalen Lieferdienst-Markt.

Wie hat es der Essenslieferdienst zu seiner Größe geschafft? Wir werfen einen Blick in die Firmengeschichte.

Vorher

Der Schwede Niklas Östberg startet 2008 den Lieferdienst Pizza.nu – später Onlinepizza.se – und geht damit nach Finnland, Österreich und Polen.

Mit Lieferheld wagt sich der Berliner Inkubator Team Europe Ende 2010 auf den deutschen Markt. Gemeinsam mit Team-Europe-Kopf Lukasz Gadowski bauen Nikita Fahrenholz, Kolja Hebenstreit, Mohammadi Akhabach, Markus Fuhrmann und Claude Ritter das Startup auf und holen Fabian Siegel als CEO an Bord. Der Inkubator sowie Holtzbrinck Ventures stecken zum Start eine Million Euro in Lieferheld. Die Software bekommt Lieferheld vom Österreicher Wettbewerber Mjam, an dem Fuhrmann beteiligt ist. 

Lest auch

Delivery Hero-CEO Niklas Östberg verrät die besten Ratschläge, die er in den vergangenen 10 Jahren bekommen hat

2011

Um das Geschäft zu internationalisieren, gründet Team Europe im Mai den Lieferdienst Delivery Hero aus. Damals noch unter dem Firmennamen RGP International Holding GmbH. Lieferheld läuft trotzdem weiter. Östberg verlässt seinen Pizzalieferdienst in Schweden, um bei Delivery Hero mitzuwirken. Der damals 31-Jährige lernte die Team-Europe-Manager auf der Dachterrasse im Soho House kennen und ließ sich direkt überzeugen, als CEO einzusteigen. 

Noch im selben Jahr expandiert der Lieferdienst in weitere Kontinente. Acht Millionen Euro investieren Geldgeber in die beiden Team-Europe-Firmen Delivery Hero und Lieferheld.

2012

Wenige Monate später rutscht Lieferheld unter das Dach seiner internationalen Schwester. Siegel und Östberg teilen sich anfangs die CEO-Rolle. Delivery Hero kauft außerdem die ersten Lieferportale auf: etwa Hungryhouse aus Großbritannien, Onlinepizza Norden Group aus Skandinavien – Östbergs alte Firma – und Foodik aus Russland. Investoren schießen in mehreren Finanzierungsrunden noch einmal 65 Millionen Euro nach.

Die Wachstumskurve von Delivery Hero fängt früh an: Nach mehr als eineinhalb Jahren am Markt sammelte das Startup bereits 80 Millionen Euro Kapital ein, bearbeitet Bestellungen im Wert von 300 Millionen Euro und beschäftigt 400 Mitarbeiter. 

Lest auch

„Habe die Hosen voll“: Delivery Hero-Gründer Nikita Fahrenholz überrascht mit neuer Rolle

Allerdings nicht ohne Wettbewerber: 2012 wird gegen die Lieferheld-Geschäftsführer wegen des Verdachts auf Computersabotage ermittelt, das Berliner Landeskriminalamt durchsucht die Büroräume des Startups. Der Konkurrent Lieferando wirft dem Startup vor, seine Seite lahmgelegt zu haben, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Lieferheld streitet die Cyberattacke ab. Es wird vermutet, dass Lieferando die Razzia aus PR-Gründen angezettelt hat. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren daraufhin ein.

Ende des Jahres erlässt die Staatsanwaltschaft dann aber einen anderen Strafbefehl gegen die Lieferheld-Macher. Weil sie Teile der Pizza.de-Datenbank ungefragt kopiert haben sollen, müssen die Gründer 58.000 Euro zahlen.

Niklas Östberg (hier 2014) hatte es in drei Jahren zum Fast-Unicorn geschafft.
Delivery Hero

2013

Fabian Siegel verlässt die Geschäftsführung von Delivery Hero und gründet ein Jahr später den Kochboxenversender Marley Spoon. Obendrein bekommt der Lieferdienst weitere 23 Millionen Euro. Östberg kündigt an, 2013 erstmals auf Konzernebene profitabel wirtschaften zu wollen, erreicht dieses Ziel aber nicht. 42 Millionen Euro setzt der Lieferdienst um, bei einem negativen Ebitda von 26 Millionen Euro.

2014

Innerhalb von drei Monaten schließt Delivery Hero zwei Finanzierungen ab und erhält insgesamt 127 Millionen Euro, unter anderem vom Twitter-Investor Insight Ventures. Später im Jahr folgt eine weitere Runde über 266 Millionen Euro. Die Gründer Claude Ritter und Nikita Fahrenholz verlassen das Unternehmen, um gemeinsam den Putzservice Bookatiger aufzubauen. 

Lest auch

Delivery Hero will zum 15-Minuten-Alles-Lieferer werden

2014 kauft das Essensportal außerdem den 2007 gegründeten Service Pizza.de aus Braunschweig, der als eigenständige Marke weitergeführt wird. Gerüchten zufolge soll der Deal das fusionierte Lieferunternehmen fast zum Unicorn gemacht haben. CEO Östberg spricht erstmals über mögliche Börsenpläne. Etwa 88 Millionen Euro setzt Delivery Hero 2014 um. Mehr als 1.000 Leute beschäftigt der Lieferdienst. 

2015

Das neue Jahr beginnt mit einer erneuten Megafinanzierung: 496 Millionen Euro steckt Rocket Internet in Delivery Hero. Der Inkubator nutzt die Hälfte der Summe, um Altgesellschafter rauszukaufen und hält nun 30 Prozent. In einer weiteren Runde über 100 Millionen Euro bewerten Investoren das Portal mit 2,7 Milliarden Euro – die zweithöchste Bewertung eines europäischen Startups. Das Geld nutzt Östberg unter anderem, um den von Rocket Internet gekauften Lieferdienst Foodora für 13 Millionen Euro zu übernehmen. Rund 200 Millionen Euro setzt Delivery Hero in 2015 um, die Verluste sind mit 174 Millionen Euro ähnlich hoch.

2016

Anfang des Jahres entlässt das Unternehmen 30 seiner 190 Entwickler, um sich stärker auf seine Kernprodukte zu fokussieren. Im selben Jahr schließt Delivery Hero sein Chinageschäft und den Logistikdienst Valk Fleet, über den Kuriere Essen ausfahren. Hunderte weitere Stellen werden gestrichen. Ein Teil der Lieferfahrer geht zu Foodora. 

Lest auch

Foodora schuldet australischen Fahrern Löhne in Millionenhöhe

Trotz rund einer Milliarde Euro VC-Geld soll Delivery Hero Finanzierungsprobleme haben. Da Geldgeber kein Kapital nachschießen wollen, nimmt das Startup kurzerhand einen Kredit über angeblich 30 Millionen Euro auf. Die Konditionen sind allerdings sehr ungünstig, sodass die Tochterfirmen zum Sparen verpflichtet sind. Kurz darauf übernimmt das Unternehmen den Lieferdienst Foodpanda. 2016 steigert Delivery Hero seinen Umsatz auf 297 Millionen Euro und liegt beim Ebitda bei minus 107 Millionen Euro.

2017

2017 ist eines der wichtigsten Jahre für Delivery Hero: Nach einer Beteiligung des südafrikanischen Medienkonzerns Naspers in Höhe von 387 Millionen Euro geht der Lieferdienst Ende Juni an die Frankfurter Börse. Die Nachfrage nach Aktien ist schon vor dem IPO hoch, sodass das Startup seine Angebotsspanne voll ausreizt und ein erfolgreiches Debüt hinlegt. Zum Börsenstart wird Delivery Hero mit 4,4 Milliarden Euro bewertet. Zwei Monate später steigt das Berliner Unternehmen bereits in den SDax auf, einem Börsensegment mit den 50 vielversprechendsten kleinen Firmen. Naspers erhöht seine Anteile von rund elf auf knapp 24 Prozent. Die Aktien kaufen die Südafrikaner für 660 Millionen Euro von Rocket Internet ab. Seinen Umsatz verdoppelt der Lieferdienst in diesem Jahr beinahe auf 544 Millionen Euro. Mehr als 12.000 Mitarbeiter zählt die Firma.

Wann Delivery Hero schwarze Zahlen schreiben wird, weiß Niklas Östberg auch damals noch nicht.
Hannah Scherkamp / Gründerszene

2018

Im Frühling wechselt Delivery Hero seine Rechtsform von einer AG in eine SE – kurz für Societas Europaea, eine europäische Aktiengesellschaft. Nach Beschwerden von Mitarbeitern und einem Gerichtsbeschluss muss der Lieferdienst daher nun auch Arbeitnehmer in seinen Aufsichtsrat wählen. Obendrein gehen die Foodora-Kuriere immer öfter in den Streik, da sie die Arbeitsbedingungen für unfair halten. Ein Jahr nach dem IPO steigt Delivery Hero außerdem in den MDax auf, der Nachfolgeindex des Dax.

Kurz vor Weihnachten verkünden die Berliner dann, dass sie ihr Deutschlandgeschäft mitsamt der Marken Foodora, Pizza.de und Lieferheld an den Wettbewerber Takeaway verkaufen. Insgesamt 930 Millionen Euro erhält Delivery Hero in Cash und in Form von Aktien.

Lest auch

Nach Exit: Delivery Hero verteilt 7 Millionen Euro an Mitarbeiter

2019

Im April sind die deutschen Liefermarken vollständig in Lieferando integriert. Das Kapital nutzt Östberg unter anderem, um den südkoreanischen Konkurrenten Woowa für 3,6 Milliarden Euro zu kaufen. Erstmals knackt Delivery Hero die Umsatzmilliarde. Das Ebitda hat sich auf minus 430 Millionen erhöht.

2020

Mithilfe von zwei Wandelanleihen und einer Kapitalerhöhung nimmt das Portal 2,3 Milliarden Euro auf, um die Woowa-Übernahme vollständig zu finanzieren. Die Corona-Pandemie treibt das Wachstum von Delivery Hero an. So schafft es der Lieferservice, seinen Umsatz im ersten und zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu verdoppeln. Für das Gesamtjahr peilt die Berliner Firma bis zu 2,8 Milliarden Euro an.

Delivery Hero-CEO Niklas Östberg im Jahr 2020
Delivery Hero

Nach dem Bilanzskandal scheidet Wirecard im August aus dem Dax aus. Delivery Hero nimmt die Stelle des Fintechs ein. Der Essenslieferdienst ist das erste Startup in der höchsten Börsenliga und zudem das erste Unternehmen, das ohne Deutschlandgeschäft und Gewinne in den Index einzieht. Etwa 20 Milliarden Euro ist das Portal an der Börse wert, 25.000 Mitarbeiter arbeiten für Niklas Östberg und in 43 Ländern ist der Service aktiv.

2021

Nach fast zwei Jahren schließt Delivery Hero im März die Woowa-Übernahme ab. Der südkoreanische Marktführer soll die Berliner vor allem in Asien stärker machen. Gleichzeitig wächst der Konzern weiter in das Geschäft mit Supermarkt- und Alltagslieferungen hinein. Zum Jahresende kündigt Delivery Hero außerdem an, seine Beteiligung an der spanischen App Glovo auf eine Mehrheit auszubauen.

2022

Im Sommer macht Delivery Hero den nächsten großen Zukauf offiziell: Die Berliner schließen die Glovo-Transaktion ab und halten danach rund 94 Prozent an der Plattform. Mit Glovo wächst der Konzern auf 74 Länder und erreicht nach eigenen Angaben bis zu 2,2 Milliarden Menschen. Die Kosten für den globalen Hunger bleiben aber hoch: Im Geschäftsbericht weist Delivery Hero für 2022 ein bereinigtes Ebitda von minus 467 Millionen Euro aus.

Arbeitskampf. Immer wieder gibt es Streiks wie hier in Mailand.
Nicola Marfisi/AGF via ZUMA Press

2023

Nach Jahren des Wachstums um fast jeden Preis: Delivery Hero meldet im ersten Halbjahr erstmals ein positives bereinigtes Ebitda auf Gruppenebene. Für das Gesamtjahr stehen 253,6 Millionen Euro in den Büchern. Der Konzern ist damit zwar noch kein Gewinnwunder, aber aus der reinen Verluststory sind sie raus.

2024

Im Mai will sich Delivery Hero von einem großen Markt trennen: Uber soll Foodpanda Taiwan für 950 Millionen US-Dollar kaufen und zusätzlich für 300 Millionen US-Dollar neue Delivery-Hero-Aktien zeichnen. Aber… siehe 2025.

Im Dezember bringt der Konzern seine Nahost-Tochter Talabat an die Börse in Dubai. Der IPO spült rund zwei Milliarden US-Dollar ein und gilt als größter Technologie-Börsengang des Jahres. Operativ steigt das bereinigte Ebitda auf 692,5 Millionen Euro.

2025

Die Taiwan-Wette platzt: Uber gibt die Kaufpläne für Foodpanda Taiwan nach regulatorischem Widerstand auf. Die Wettbewerbshüter hatten wegen einer möglichen Marktmacht von bis zu 90 Prozent Bedenken angemeldet. Kurz darauf trifft Delivery Hero ein anderes Wettbewerbsthema mit voller Wucht: Die EU-Kommission verhängt gegen Delivery Hero und Glovo Geldbußen von insgesamt 329 Millionen Euro. Der Vorwurf: Absprachen über Mitarbeiter, sensible Geschäftsinformationen und geografische Märkte zwischen 2018 und 2022.

Teresa Ribera Rodriguez von der EU-Kommission gibt die Strafe für Delivery Hero bekannt.
Monasse T/ANDBZ/ABACAPRESS.COM

Finanziell läuft es stabiler: Für 2025 meldet Delivery Hero einen Segmentumsatz von 14,8 Milliarden Euro, ein bereinigtes Ebitda von mehr als 900 Millionen Euro und einen Free Cashflow von mehr als 200 Millionen Euro. Aus dem einstigen Dax-Hoffnungsträger ist ein MDax-Konzern geworden, der weniger auf grenzenlose Expansion schaut.

2026

Im Mai kündigt Niklas Östberg seinen Abschied als CEO an: Nach 15 Jahren will der Mitgründer den Posten im März 2027 abgeben, der Aufsichtsrat startet die Suche nach einer Nachfolge. Gleichzeitig wird Delivery Hero wieder zum Übernahmeobjekt. Im Juli kündigt Uber ein freiwilliges Übernahmeangebot an: Der US-Konzern bietet 41,50 Euro je Aktie.

Zum Stand Juli 2026 ist Delivery Hero damit an einem neuen Wendepunkt: vom Berliner Startup über Dax-Aufsteiger und globalen Lieferkonzern zu Uber. Die Geschichte, die mit Pizza.nu und Lieferheld begann, geht global weiter.



Source link

Exit mobile version